Das Leben in den Straßen

Das Leben begegnet uns in den Straßen. Es ist flüchtig wie der Mensch, dem wir für einen Augenblick unsere Aufmerksamkeit schenken. Wir ziehen aneinander vorbei und unsere Blicke kreuzen sich. Ein kurzer Moment der Betrachtung, der uns nur einen Gedankenhauch lässt. Was an einem Menschen ist ausschlaggebend, dass wir ihn aus der Masse hervorstechen lassen? Dass er für uns sichtbar wird? Ich weiß es bis heute nicht.

Wir wollen zu viel und betrachten wir es mal ganz realistisch, wir haben auch zu viel: Eingestaubtes Leben in versteckten Ecken. Wir sammeln und suchen und vergessen dabei, dass sich das Leben in den Straßen abspielt. Eine kleine Runde durch die Stadt. Am Abend vor der Eckbar bekannte Menschen treffen, für einen Augenblick die Geschichten teilen, weiterziehen. Weiterziehen, weil stehen bleiben den inneren Fortschritt unterbindet. Wir machen weiter, suchen uns Verbündete, Mittel und Wege. Wir schweifen umher und finden zu uns.

Das Leben muss nicht immer bombastisch groß und in lauten Tönen daher kommen. Wer möchte denn schon auf einer immerwährenden Party verweilen, wenn sie irgendwann zur Gewohnheit wird? Das Leben findet dazwischen statt. In der Vorfreude, in alten und neuen Bekanntschaften, im Geruch von frisch zubereiteten Waffeln, wenn wir gemeinsam am neueröffneten Eckcafé vorbeiziehen, in dem wir noch nie gesessen haben.

Warum bleiben wir nicht genau in diesem Moment stehen und entscheiden uns, dass eigentlich doch noch genug Zeit für die Waffel ist und dass wir vorerst nicht weitertreiben? Am Fenster streifen Schemen vorbei, alle auf dem Weg, ja wohin eigentlich? Wir wissen es nicht und Unwissenheit beängstigt uns. Weil sie eine Komponente im Leben ist, die wir nicht kontrollieren können. Kontrollverlust, alles unter Kontrolle haben. Leben findet in den Momenten statt, in denen wir die Kontrolle abgeben, das Steuer für ein paar Stunden dem Leichtmatrosen überlassen, der sich doch eigentlich gar nicht so schlecht anstellt. Wir gehen nach vorne, atmen den Wind ein, sehen die Wogen. Wir sind zum ersten Mal leibhaftig anwesend, nicht nur eine Funktion. Wir werden zu Menschen.

Menschen sind Wesen, die loslassen können, die loslassen müssen, um weiter zu kommen. Und das ist nicht schlimm, denn die Tragfähigkeit unserer Flügel ist begrenzt. Wir müssen Gepäck abwerfen, um an den Knotenpunkten bereit dafür zu sein, neuen Ballast aufnehmen zu können.

Das ist der eigentliche Fortschritt: Loslassen, denn Loslassen ist der Grundstein für das Weitermachen.

Vielleicht erinnert ihr euch noch an das Musikvideo, das Jenny, Flo und ich gemeinsam mit vielen anderen lieben Menschen umgesetzt haben. Wir wurden damit für einen kleinen Filmaward nominiert und haben den Interviewtermin mit einem Fotoshooting verbunden. Was gibt es schöneres, als Arbeit und Vergnügen auf diese Weise zu verbinden?

Wir möchten uns ganz herzlich beim Team von Café Moritz in Siegen dafür bedanken, dass sie uns an diesem verregneten Tag ein paar Stunden Unterschlupf gewährt haben.

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